Fremde Erwartungen, eigene Entscheidungen

Irgendwann kommt der Moment, in dem du merkst: Das hier ist nicht meins. Nicht in einem dramatischen Sinn. Kein Zusammenbruch, keine Krise. Eher ein leises, hartnäckiges Gefühl, das sich über Monate aufbaut. Du machst deinen Job, und du machst ihn gut. Und trotzdem: Irgendwas stimmt nicht.

Bei mir war das der Moment, als ich anfing zu verstehen, was mich an der Agenturarbeit wirklich erschöpft hat. Es waren nicht die Projekte oder die Kunden. Es war eher das Grundprinzip: Ich lieferte konstant, was jemand anderes wollte. Darin war ich gut (würde ich zumindest mal behaupten). Und genau das war das Problem.

Wir lernen früh, uns auszurichten

Viele von uns haben gelernt, das Wollen anderer Menschen sehr früh und sehr gut zu lesen. Eltern, Lehrer:innen, Vorgesetzte. Irgendwann machen wir das reflexartig. Wir richten uns aus. Nicht, weil wir feige sind, sondern weil es bisher ja funktioniert hat. Weil Zustimmung ein verlässliches Signal ist, dass man auf dem richtigen Weg ist.

Das Tückische daran ist allerdings: Dieses Muster ist nicht “falsch”. Es hat uns weit gebracht, uns Sicherheit gegeben, Orientierung, manchmal sogar Erfolg. Das Problem ist, dass es irgendwann einfach nicht mehr passt und wir das nicht sofort merken, weil es sich immer noch sehr vertraut anfühlt.

Fremde Narrative tragen sich leicht, solange man nicht genau hinschaut. Sie haben keine Kanten, keinen Widerstand. Sie sagen: So macht man das. So und so sieht ein guter Lebensweg aus, so und so Erfolg. Und du nickst, weil du das früh gelernt hast.

Wurzeln und Ranken

Der schwierige Teil ist nicht unbedingt, das eigene Narrativ zu finden. Meines Erachtens ist der schwierige Teil, das Fremde überhaupt erst als fremd zu erkennen. Was ist meine Natur? Was ist Kultur?

Ich habe Jahre gebraucht, um zu verstehen, dass "Ich will nicht mehr für Leute arbeiten, sondern mit Leuten" kein romantischer Satz ist, sondern eine ziemlich genaue Beschreibung meines Problems. Das klingt simpel, war es aber so gar nicht. Dahinter steckt ein langer Prozess des Auseinandersortierens: Was ist mein Antrieb, was ist der Antrieb, den ich übernommen habe, weil er sich angeboten hat?

Das Bild, das mir dabei hilft: Wurzeln und Ranken. Wurzeln sind das, was wirklich von einem selbst kommt. Werte, die sich über die Zeit als stabil erwiesen haben. Dinge, die mich antreiben, auch wenn niemand zuschaut. Ranken sind das, was sich drangehängt hat. Erwartungen, Vorstellungen, Skripte, die ich irgendwann übernommen habe, ohne es bewusst entschieden zu haben.

Das Problem ist: Beide sehen aus wie Pflanzenmaterial.

Habe ich das gewählt – oder hat es mich gewählt?

Emanzipation von fremden Narrativen bedeutet nicht, alles abzuwerfen, was von außen kam. Das wäre nicht nur unrealistisch, es wäre auch nicht sonderlich förderlich. Was wir von anderen gelernt haben, was uns andere mitgegeben haben: All das ist Teil von uns. Mein Vater hat mir beigebracht, dass man die Welt aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten kann. Meine Mutter hat mir gezeigt, was Zugewandtheit bedeutet. Beides trägt mich heute in meiner Arbeit als Coach. Beides ist meins, obwohl es nicht ursprünglich von mir kam.

Der Unterschied liegt in der Frage: Habe ich das gewählt, oder hat es mich gewählt?

Nicht alles, was wir von unseren Herkunftssystemen mitbekommen haben, ist eine Last. Manches ist ein Geschenk. Die Arbeit besteht darin, zu unterscheiden. Und das ist echte Arbeit – keine, die man in einem Wochenendworkshop erledigt.

"So bin ich halt."

Im Coaching taucht dieses Muster immer wieder auf. Menschen, die einen Job machen, weil der Einstieg damals gut war. Führungskräfte, die in einer Rolle stecken, die ihnen vor Jahren jemand anderes zugedacht hat. Personen, die ihre Erschöpfung mit sich selbst erklären – "so bin ich halt so" – obwohl sie in Wirklichkeit in einem System stecken, das nicht zu ihnen passt.

Das Muster hinter all dem ist ähnlich: Es gibt ein Narrativ, das irgendwann von außen kam und dann verinnerlicht wurde. Und jetzt fühlt es sich so sehr nach innen an, dass man kaum noch sieht, wo es herkommt.

Das aufzudröseln braucht Geduld. Und es braucht jemanden, der nicht wegläuft, wenn es unangenehm wird.

Was hilft und was nicht

Was nicht funktioniert: sich einfach lossagen. Den Job kündigen, die Familie auf Abstand halten, alles neu beginnen. Das kann sich radikal anfühlen, löst aber das Eigentliche nicht – nämlich zu verstehen, welche Teile des alten Narrativs wirklich fremd waren und welche schon immer die eigenen, nur eben noch nicht klar genug formuliert.

Was funktioniert: ehrliches Hinschauen, ohne den Drang, sofort eine Geschichte daraus zu machen. Fragen, die nicht auf Antworten aus sind, sondern auf Klarheit. Zeit. Und manchmal eine:n Gesprächspartner:in, die/der keine Agenda hat außer zu verstehen, was wirklich los ist.

Der Satz, der schon lange im Raum war

Ich bin mitten im Schritt in die Selbstständigkeit und habe diesen nicht gemacht, weil mir ein Seminar gesagt hat, das sei die Lösung. Ich habe ihn gemacht, weil ich über einen langen Zeitraum gemerkt habe, was mir wirklich liegt und was davon in einem klassischen Angestelltenverhältnis strukturell kaum Platz hatte.

Das war kein Bruch. Das war eher wie: Irgendwann ist der Satz klar, der schon lange im Raum war.

Dieser Satz kommt nicht einfach. Er kommt durch Auseinandersetzung mit dem, was war, und dem, was ich mir wirklich für mich gewünscht habe. Und mit dem, was sich darunter verbirgt, wenn man lang genug hinschaut.

Das “Erbe der Erwartung” lässt sich nicht kappen. Aber man kann entscheiden, was man davon weiterträgt.

Wenn du das Gefühl kennst, dass irgendwas nicht stimmt, ohne dass du genau sagen könntest, was, dann bin ich gerne für ein erstes Gespräch da. Kein Erstgespräch nach Schema, kein Kennenlern-Pitch. Einfach reden.

Zurück
Zurück

#03 (K)ein Spaziergang mit … Michaela Krause, Gründerin & Geschäftsführerin

Weiter
Weiter

#02 (K)ein Spaziergang mit … Fabien Röhlinger, Unternehmer