Freiheit durch Struktur: Warum mein Kalender wieder mein Freund ist
Es ist Dienstagvormittag, 11 Uhr. In den letzten Jahren war es ziemlich normal, dass ich um diese Uhrzeit bereits im dritten Meeting des Tages saß. Heute, in der 7. Woche meiner “Arbeitslosigkeit” (denn ich habe Arbeit, diese bringt mir allerdings kein Geld), sitze ich mit einer Tasse Ingwertee an meinem Schreibtisch und schaue in meinen Kalender. Was ich dort sehe, löst aber keinen Stress mehr aus. Stattdessen spüre ich Erleichterung, ja, sogar Freude. Aber nicht, weil er leer ist.
Vom Rauschen der Zeit
Ich gebe es zu: Mein Zeitgefühl ist irgendwie kaputt. Vor allem seit Covid ist das ganz merkwürdig geworden und ich habe große Schwierigkeiten einzuschätzen, ob etwas nun ein oder vielleicht doch schon zwei oder sogar drei Jahre zurückliegt. Als ich in meine berufliche Auszeit mit dem neuen Jahr startete, habe ich die neue Freiheit erst einmal ganz tief eingeatmet. Kaum Termine (außer bei der Agentur für Arbeit), keine Deadlines, keine “schnellen” oder “kurzen” Calls, die nicht selten ohne Vorwarnung und Vorbereitung in meinem Kalender landeten. Doch nach ein paar Wochen des "Nicht-Planens" passierte etwas Seltsames: Die Tage fingen an, an mir vorbeizurauschen. Ich habe mich zwar körperlich erholt, am Abend hatte ich aber oft das ungute Gefühl, die Zeit irgendwie „verschwendet“ zu haben. Was mir fehlte, war Halt.
Struktur ist nicht gleich Dogmatismus
Ich habe für mich erkannt: Komplette “Freiheit”, ganz ohne Leitplanken, fühlt sich für mich paradoxerweise weniger frei an. Deshalb habe ich mich letzte Woche hingesetzt und mir Blöcke in den Kalender gepackt. Von Montag bis Freitag Mittag. Nicht etwa, um mich selbst zu knechten oder starr an jede Minute zu halten und diese mit etwas möglichst “Produktivem” zu füllen. Von Dogmatismus halte ich generell wenig. Sondern als Orientierung und ein Angebot an mich selbst.
Meine aktuellen Ankerpunkte sind:
Fokus & Geist: Zeit für Reflexion und Lernen. Lesen, Meditieren, Nachdenken usw.
Business & Podcast: Arbeit an meiner Vision und meinen Projekten, die mich beruflich weiterbringen
Sport: Laufen oder Krafttraining im Wechsel. Nicht nur der Geist, auch mein Körper braucht Bewegung und der Tag meines ersten Halbmarathons rückt näher.
Kreativ & Musik: Raum für Spielerisches, ohne Ergebnisdruck. Beats basteln, Klavier lernen, Fotografieren und mehr.
Mein Aha-Effekt: Selbstbestimmung vs. Fremdbestimmung
Das für mich wirklich Faszinierende an diesem “vollen Kalender” ist mein Gefühl dabei. Früher war er voll mit Erwartungen und Aufträgen anderer: abliefern, Ergebnisse schaffen, Deadlines einhalten, Repeat. Ich wurde oft und viel getaktet , verplant und ferngesteuert. Heute entscheide ich. Für mich. Über meine Zeit. Jeder Block in meinem Kalender ist ein Ja zu mir selbst. Das ist für mich echte Selbstermächtigung.
Ich merke, dass diese Struktur innerhalb der Freiheit mir ein deutlich besseres Gefühl gibt, die Zeit – mit und ohne Arbeit – wirklich zu genießen. Manchmal verschiebe ich Blöcke, manchmal lasse ich sie bewusst ausfallen. Der Unterschied zu früher: Es ist keine Kapitulation vor dem Chaos, sondern eine bewusste Entscheidung. Ich kann es mir gerade erlauben, und deshalb erlaube ich es mir auch.
Was das für mein Coaching bedeutet
Diese Erfahrung prägt auch meinen Blick als Coach. Wir leben in einer Welt, in der wir oft durch Arbeit getrieben werden. Aber ich bin fest davon überzeugt: Es ist möglich, den eigenen Rhythmus wiederzufinden, auch wenn mir bewusst ist, dass die Anforderungen von außen oft sehr laut sind. Ob wir diese Erwartung dann auch immer erfüllen “müssen”, ist eine andere Frage, der ich mich zu einem späteren Zeitpunkt noch widmen werde.
Es geht nicht darum, ein System zu kopieren, sondern herauszufinden: Was gibt mir Halt, ohne mich einzuschnüren? Ich weiß, dass ich mich in einer privilegierten Situation befinde (vor allem in Bezug auf Zeit), gleichzeitig merke ich aber auch, dass ich diese Selbstermächtigung in der Vergangenheit oft vernachlässigt habe. Das ist etwas, worauf ich in Zukunft – egal in welcher Arbeitskonstellation – wieder deutlich mehr Acht geben werde.
Wie ist das bei dir? Wann hast du das letzte Mal deinen Kalender so gestaltet, dass er sich wie eine Erleichterung anfühlt?